Begegnungen
Zwei Welten auf einer Bank
Ein kleiner Hund führte die ältere Dame zu mir. Dieses Gespräch blieb mir lange in Erinnerung.
Wir trafen uns zufällig auf einer Parkbank. Sie fragte, welches Buch ich lese.

„Das ist Tatjana Tolstaya, eine russische Schriftstellerin mit einer unglaublich dichten Sprache. Gerade beschreibt sie eine Käsestraße in Paris."

„Das ist ja spannend, ich notiere mir den Namen… Ach, das ist ja kyrillisch! Können Sie es mir bitte übersetzen?"

Sie hatte neugierige Augen, die sich dem Alter verweigerten und vor Leben glühten. Wir sprachen über ihre Reisen in die UdSSR Mitte der 70er Jahre. Sie schwärmte von Leningrad. Von den „Taxis mit Eheringen auf dem Dach", dem Nachtzug, in dem Tee in hübschen Silberkännchen serviert wurde, und von der Eremitage.
„Wussten Sie, dass in der Eremitage 50 Katzen leben? Und sie haben sogar einen eigenen Pressesprecher! Damit die Kunstwerke durch Mäuse nicht beschädigt werden."
„Das ist so typisch pragmatisch-russisch gedacht", warf ich bewundernd ein.

Pragmatisch war auch das Essen damals. In Moskau wurden ihnen Buletten serviert. Nur leider morgens, mittags und abends. Was selbst für DDR-Studenten zu viel war.

„Als sie uns am dritten Tag sie wieder vorsetzten, starteten wir eine kleine Revolution", lachte sie. Es war einfach eine Bulette zu viel. Aber vom Eis konnte sie damals nicht genug bekommen. Dabei gab es nur eine Sorte: Vanille.

„Es wurde in kleinen Silberschüsseln serviert und es war so lecker!"
Die Schüsseln thronten auf einem dünnen Fuß und machten das Eis zu etwas Besonderem. Ich mochte es, wenn das Eis ein bisschen geschmolzen war und eine köstliche Pfütze bildete. Hier verschmolzen unsere Erinnerungen, trotz unterschiedlicher Herkunft. Das Vanille-Eis-Paradoxon. Ich sagte ihr, dass es dieses Eis immer noch gibt.

„Sie können es im russischen Geschäft kaufen. Es schmeckt genau gleich."

„Es gibt ein russisches Geschäft in der Stadt?"

„Nicht eins. Drei." Ich nannte ihr die Stadteile.

„Toll! Regensburg überrascht. Ich sage ja immer: Es gibt drei Städte, die man gesehen haben muss. New York, Sankt Petersburg und Regensburg!", lachte sie.
Wir saßen noch lange auf der Parkbank. Ihr Hund lauschte unseren Gesprächen und ich verliebte mich – wieder mal – neu in diese Stadt.

Aber nach Sankt Petersburg muss ich auch. Endlich.


Fotos: Oxana Bytschenko, Zelubon72, TheDigitalArtist, Marta_Melen, Victoria_Borodina - pixabay.de
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