Erlebnisse
Survival mode
Im Schreibkurs mussten wir für unsere Protagonisten Hindernisse ausdenken. Aber in dieser Geschichte ist nichts erfunden. Leider.
23.12.: Leichte Rückenschmerzen. Mein Rücken und ich führen eine komplizierte Beziehung, toxisch und zutiefst co-abhängig. Innerhalb von ein paar Stunden verändert sich der Schmerz von "unangenehm" zu "Scheiße, wo bleibt die Ohnmacht". Ich sage alles ab, erreiche niemanden unter 116117 und rufe ein Taxi. Mein Sohn hilft mir die Treppe hinunter. Ich heule in der Dunkelheit des Autos vor Schmerz.
In der Notaufnahme muss er im kalten Vorraum warten, weil keine Besucher erlaubt sind. "Ruf Papa an, er soll dich abholen." Mein Handy warnt vor Eisglätte. Ich starre zwei Stunden lang die grünen Möbel der Klinik an, während ich in Gebärhaltung an eine Kommode lehne. Die Ärztin sagt, dass ihr meine Symptome „nicht gefallen", ihr Kollege schickt mich an die Uniklinik. "Dort gibt es eine Neurochirurgie, falls was ist." Falls was ist??? Leichte Panik.

Mein Ex wohnt in der Nähe der Klinik und kann mich mitnehmen. Der Parkplatz ist bereits mit Eis bedeckt. Ich und der Schmerz rutschen zusammen mit der Angst vor dem Sturz. Ich wärme den frierenden Sohn. Sein Papa rutscht auf uns zu. Aber es ist unmöglich, zur anderen Notaufnahme zu kommen: Die Straße ist wie ein Spiegel, das Auto rutscht. Wir stecken fest: Vor uns sind Steine und Büsche, hinter uns ein Hügel. Unter uns sind Eis und Allwetterreifen. Der Ex hat aufgehört zu scherzen, ein schlechtes Zeichen. Quälend langsam fährt das Auto auf die Straße und wir fahren zum Haupteingang. Inzwischen ist das Eis noch dicker. "Bleib sitzen, steig bloß nicht aus!", der ungewohnte Ton des Ex ließe ich zusammenzucken, wenn er nicht so weh täte. Ich habe die bequemsten, aber auch die rutschigsten Stiefel an. Er begleitet mich zum Eingang und fährt unser Kind nach Hause.
Die nächsten Minuten ziehen sich ewig. Bis sie sicher zuhause ankommen. Also zurück zum Schmerz.
Wieder zwei Stunden Wartezeit mit grünen Möbeln in der Notaufnahme. Ich kann nicht lange sitzen, liegen oder gehen. Die ersten Opfer der Eisglätte treffen ein: ein Mann mit einem blutigen Kopf und eine Krankenschwester mit einem bandagierten Arm, die gerade ihre Schicht antreten wollte und vor der Klinik hingefallen ist. Der Mann konnte gerade noch sagen, was passiert ist, schon weigerte sich sein Körper, länger aufrecht zu bleiben. Stunden später ist sein Blut immer noch am Empfangstresen zu sehen. Ich bemitleide mich selbst und die Ärzte, dass ich ausgerechnet heute hier gelandet bin. Ich höre meinen Namen, obwohl mich niemand ruft und träume von einer riesigen Spritze mit Schmerzmitteln.

Aber die Ärzte lehnen sie ab. Sie sagen, dass meine Schmerzen möglicherweise eine seltene Reaktion auf die gestrige Booster-Impfung sind. Deshalb wirken Pillen und Spritzen nicht. Bandscheiben und Nerven sind intakt, was gut ist. Aber ich muss die Schmerzen noch 2-3 Tage ertragen. Sie lassen mich nach Hause gehen. Ich rufe ein Taxi - und bekomme eine Absage.

"Habe keine Autos mehr, Sie müssen etwa zwei Stunden warten." Das andere Taxi antwortet überhaupt nicht. Ich kaufe ein Busticket. Die App sagt, dass der nächste in 124 Minuten an der Klinik eintrifft. Ich lade mein Handy auf, während ich überlege, was ich tun soll. Freunde anrufen kommt bei diesem Wetter nicht in Frage. Was, wenn ihnen etwas passiert?
Draußen sind nur Dunkelheit und Eisglätte. Plötzlich: Scheinwerfer! Ein Auto hält direkt vor dem Eingang. Da es meine einzige Chance ist, in die Stadt zu kommen, laufe ich zum Ausgang. "Wie gut, dass das Krankenhauspersonal Essen bestellt!", schreibe ich später meiner Schwester, die weit weg ist, aber mich den ganzen Abend begleitet. Ich bitte den Mann mit der grauen Kiste und indischem Essen, mich in die Stadt mitzunehmen.

Wir fahren mit der Geschwindigkeit eines Regenwurms, wenn er über eine trockene Straße kriecht. Wir sehen Busse, die mit Autos kollidieren, stürzende Radfahrer und Fußgänger. Wir driften über Ampeln. Akbal aus Pakistan und ich liefern noch die letzte Bestellung aus. Der Kunde ruft an, unzufrieden, dass es so lange dauert. Akbal erklärt ruhig, dass die Straßen glatt sind und es leider sehr lange dauert. Zu mir sagt er: „Dieser Mann wohnt fünf Minuten vom Restaurant entfernt und bestellt online". Wir verabschieden uns vor dem Restaurant. Akbal will mein Geld nicht annehmen. Ich lasse es im Auto und schlittere zur Bushaltestelle.
Auf der Anzeige steht: "Wegen Eisregen haben wir den Busverkehr im gesamten Stadtgebiet eingestellt. Wir bitten um Verständnis." Ich verstehe das, aber mein Rücken und meine Nerven nicht so. Was tun? In einem Hotel zu übernachten ist unmöglich, weil sie geschlossen sind. Bei Freunden übernachten – es ist spät und da sind Kinder, und ich will in mein eigenes Bett. Per Anhalter mitfahren – es sind keine Autos unterwegs. Also, zu Fuß nach Hause. Langsam und - mit Glück - auf dem Gras wandernd. Mein Telefon ist fast leer.
Unterwegs lerne ich zu unterscheiden, wo es glatt und wo es verdammt glatt ist. Die Ironie ist, dass sich mein Rücken beim Gehen etwas entspannt und der Schmerz nachlässt. Ich denke beim Laufen über meine Sturheit nach und ob es die richtige Entscheidung der Stadt war, das Kopfsteinpflaster durch glatte Oberflächen zu ersetzen. „Just a perfect day" spuckt im Kopf herum, in der Horrorfilm-Version. Vor meinem Haus ist eine gute Fläche fürs Schlittschuhfahren. Ich schreibe meiner Schwester, dass ich zu Hause bin.

Noch 10 Minuten bis Weihnachten.
*
P. S.: Ich habe die Ereignisse dieser Nacht aufgeschrieben, um den Schock zu verarbeiten. Und ich teile es aus einem simplen Grund: Jede*r von uns hat in sich eine Stärke, die uns alle Hindernisse überwinden lässt. Egal, wie schlimm es aussieht. Auch du.
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Tilda