Kurzgeschichte
Vom Verlieren der Liebe
Sie pulsierte und roch nach Kirschblüten - dann war sie plötzlich weg.
Lina ging den Weg entlang und hat dabei ihre Liebe verloren. Sie muss unterwegs unbemerkt herausgefallen sein. Die Liebe war rund, weich und warm. Sie pulsierte und roch nach Kirschblüten. Und sie machte ein Geräusch, das wie eine singenden Sanddüne klang: ein subtiles "uuuuh".

Lina passte sehr gut auf ihre Liebe auf und legte sie in eine Schachtel, die mit Seide bezogen war. Nur gute Menschen durften sie anfassen. Aber einmal hat sie einen Fehler gemacht und einem Mann vertraut, der den Inhalt der Schachtel nicht wertschätzte. Er warf die Liebe gegen die Wand, ertränkte sie im kalten Wasser, besprühte sie mit Säure und zerschnitt sie mit einer Säge.

Als Lina es endlich schaffte, ihre Liebe zu retten und sie wieder in der Schachtel zu verstecken, war die Liebe klein, hart und stachelig geworden. Ihr Geruch war weg und auch das subtile "uuuuh".
Lina pflegte sie wieder gesund.
Sie fütterte sie mit einer Pipette, cremte jeden Stachel
ein und zerkratzte sich die Hände, streichelte sie und
flüsterte ihr sanfte Worte zu.
Und irgendwann roch sie wieder die Kirschblüten...

Die Schachtel wurde leichter. Auch Lina fühlte sich erleichtert - und lief lächelnd den Weg entlang. Dabei muss sie die Liebe verloren haben. Lina bemerkte den Verlust erst später, als sie einen Mann mit einer ähnlichen Box traf. Sie wollte ihm ihre Schachtel zeigen - aber da war nichts mehr. Und es ist unmöglich, so etwas zu kaufen.

"Warte...", sagte der Mann.
Eine Woche später brachte er ihr eine Schachtel. Als Lina sie öffnete, roch es wie der Wald nach dem Regen. Darin lag die Hälfte seiner Liebe: rund, warm, weich und pulsierend. Aber anstelle des subtilen "uuuuh" hörte Lina ein leises, fast schüchternes Lachen.

Diese Liebe roch nach Erdbeeren.


Fotos: Stux, Bessi - pixabay.com
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Tilda