Reise
Die Erforschung der Happiness
In Dänemark leben die glücklichsten Menschen.
Jetzt weiß ich warum.
Im Zug singt eine Gruppe Teenager. Sie grölt keine Fußballlieder oder Rap-Songs, die andere belästigen. Ihr Gesang klingt schön und entspannt.

Ein paar Bauern essen während der Ernte, mitten auf dem Weizenfeld. Auf Stühlen. Aus Tellern. So viel Zeit muss sein.

Ein Paar stellt Aalfallen am Meer auf, einfach als Hobby. Stundenlang wandert er auf dem seichten Meer herum, um die perfekte Stelle zu finden. Sie umkreist ihn im Kanu. Und das alles vor dem malerischen Sonnenuntergang.

Willkommen in Dänemark!
Dieses Land hat mich berauscht, obwohl ich nur die Einsamkeit gesucht habe. Ein Strandhaus auf der Insel Seeland, 10 Tage für mich. Ich reise gern allein, aber das war eine komplett neue Erfahrung. Diesmal ging es auch ums Schreiben, weil viele Projekte nicht vorankamen. Und jetzt weiß ich warum: In der Stille und weitab der Stadt kann ich mich viel besser konzentrieren und in die Geschichten abtauchen.

In Dänemark lief ich durch den Garten – und rechts und links sprangen Grashüpfer in die Luft. Schmetterlinge begleiteten mich beim Yoga. Nachmittags kamen ein mutiger Feldhase und ein scheuer Kater vorbei. Am Strand konnte ich stundenlang laufen, ohne jemanden zu treffen, außer ein paar Rehe beim Flirten. „Das ist doch alles unwirklich, oder?", dachte ich oft.
Weil der nord-westliche Teil der Insel nicht touristisch ist, hatte ich nur mit Einheimischen zu tun. Es war unübersehbar, dass die Dänen, wie es im „World Happiness Report" steht, zu den glücklichsten Menschen auf diesem Planeten zählen. Und ich habe ihr Geheimnis geknackt!

Es ist nicht nur das „Hygge"-Gefühl der ultimativen Gemütlichkeit. Es ist die Sicht auf das Leben insgesamt. Die Dänen sind entspannter und freier. Mein Nachbar zum Beispiel: Er hatte gerade ein Ferienhaus gekauft – und freute sich trotz enormer Arbeit auf die Sanierung! Weil in seinem Kopf schon das Ergebnis zu sehen war: In zwei-drei Jahren steht da ein hyggeliges Haus für seine Familie. Deshalb hämmerte er mit Freude nach der Arbeit am Haus herum. Abends ließ er alles stehen und liegen, um den Sonnenuntergang zu genießen.

Für die Dänen steht nicht die Arbeit im Mittelpunkt. Sie ist nur ein Beiwerk, das sie aber – so schien es mir zumindest – mit Freude erledigen. So war ich beim Soft Opening im Hans Christian Andersen Museum, das erst diesen Monat eröffnet. Ich stellte der Mitarbeiterin an der Kasse nur eine Frage. Aber sie verließ ihren Posten und führte mich sofort herum, erklärte alles und nahm sich viel Zeit für meine Fragen. Wie kann man sich da nicht wohlfühlen?

Ein Busfahrer nahm mich mit, obwohl ich die Fahrt nicht zahlen konnte, weil sowohl die dänische App als auch meine Kreditkarten streikten. Bargeld ist nicht erlaubt. Er erzählte, dass er für diese Fahrten durch die Provinzdörfer alles aufgegeben hat. Sein Haus in Kopenhagen und den Job im Verkauf eines Transportunternehmens – nach 20 Jahren. Jetzt verdient er nur die Hälfte. „Aber ich lebe!", sagt er und seine Augen funkeln, als käme er gerade aus der Sauna.
"So lebe ich bewusster und habe
mehr Kontakt mit allem."
Jedes Gespräch in Dänemark war ein Beispiel für ein Leben abseits der gewohnten Pfade. In einem historischen Museum in Odense stolperte ich zufällig in den Kinderbereich. Eine blonde Frau im weißen Kittel saß auf einem Hochstuhl und freut sich über Besuch. Sie erforschte mit Kindern verschiedene Knochen, aber gerade war niemand da. Wir plauderten, kamen irgendwie auf Essen und sie zeigte mir das Buch, das sie beim Warten las: ein Kochbuch aus dem Jahr 1890. Denn nebenbei betreut sich auch eine junge Volontärsgruppe, mit der sie in der historischen Küche des Museums Rezepte nachkocht. Und dafür suchte sie gerade nach neuen Rezeptideen. Es sah danach aus, als ob ein Kartoffelkuchen von 1890 das Rennen machen würde.
Das Glücksrezept der Dänen ist die klare Einsicht, dass jeder etwas finden kann – und sollte – was ihn glücklich macht. Eine weitere Begegnung im Kunstmuseum Filosoffen (und hier gibt schon der Name „Philosoph" einen Vorgeschmack) bestätigte meine Vermutung. Im ersten Raum umkreiste ich ein Kunstwerk, das an eine riesige Qualle erinnerte. Plötzlich bemerkte ich eine zweite Person im Raum – und sie trug keine Schuhe. Da die Dänen sehr experimentell unterwegs sind, traute ich ihnen auch eine barfüßige Ausstellung zu. Also fragte ich den Mann, ob ich mich falsch verhalte oder nur er hier ohne Schuhe ist. Tatsächlich hat er sich vor 40 Jahren entschieden, jeden Sommer barfuß zu verbringen. „So lebe ich bewusster und habe mehr Kontakt mit allem", sagte er. Ich habe es sofort nachvollziehen können. Genau das fehlt uns doch so oft: das Innehalten.
Für mich sind die Dänen so nonkonform wie lebenslustig. Das war sichtbar bei der Ästhetik, so völlig anders und kühn. Es ist, als gelten die Design-Gesetze in Dänemark nicht. Ein Gebäude sah aus, als hätte der Architekt es seitlich hingelegt, wie einen Stapel Bücher. Fährt man vorbei, entpuppt sich eine andere Form. Andere Gebäude wirken wie von den Aliens vergessen: abgerundet, schwarz und schön. Außerdem sind die Dänen besessen von Stühlen. Ein scheinbar simples Möbelstück – für sie eine nie versiegende Quelle der Inspiration. Von Kunst und Sauberkeit ganz zu schweigen. In Dänemark vereinen sich Klarheit und Denken außerhalb der Box. Ohne Zwang, auf eine magisch-natürliche Weise.

Und vermutlich ist auch die Natur „schuld" an der Glückseligkeit. Endlose Weizen- und Sonnenblumenfelder, dazu das Meer, die Klippen und die Tiere. Überall brummt, pfeift, bellt, schreit, krabbelt oder springt jemand.

Da würde ich als Teenager auch anfangen, im Zug zu singen.
P. S.: Zwei Filmempfehlungen, um den Vibe der Dänen zu fühlen: „Parterapi" und „Lykke Per" – und fast alles von Lars von Trier.
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Tilda