Kurzgeschichte
Comic als Lehrstunde
Ein kleiner Laden um die Ecke, ein Tag
wie viele andere - und ein unerwartetes Gespräch.
Ein Comic führte zu einer Lehrstunde in Geschichte: Ich kaufte ihn für mein Kind, im kleinen Geschäft um die Ecke. Die Oma, die dort arbeitet, ist 89. Gebückte Haltung, selten gehorchende Finger und immer ein Lächeln im Gesicht. Sie sah den Comic lange an.

- Ich konnte sowas nie lesen. Habe nie verstanden, was drinnen steht.

Ich fragte sie, was sie als Kind gern gelesen hat.

- Mei, viel Auswahl gab es nicht. Da war man froh, wenn es zu Weihnachten ein Buch gab. Und wir hatten wenig Zeit zum Lesen, mussten ja immer helfen.
Zu den Bücher gesellten sich Erinnerungen an ihre Schulzeit in Weiden. Sie erzählte, dass ihre Mädchenschule nach dem Krieg – da war sie in der sechsten Klasse – zum Lazarett wurde. Also gab es für sie keinen Platz zum Lernen. Später durften die Mädchen zur Oberschule für Burschen besuchen und ab 12.10 Uhr lernen, in der zweiten Schicht.

- Ob Sie es glauben oder nicht: Vor zehn Jahren habe ich jemanden getroffen, der früher auf der Burschenoberschule war. Da sagte er zu mir: ‚Ihr habt damals unsere Schule besetzt!'. Können Sie sich das vorstellen?

Die Erinnerung spülte ihr Lächeln weg, der Kopf hing schwer am dünnen Hals.

-Aber wir konnten doch nichts dafür!
Durch eine kleine Recherche fand ich die Schule. Ihre Erinnerungen waren erstaunlich präzise. Von April 1945 bis Mai 1946 gab es gar keinen Schulbetrieb in Weiden. Später konnte nur die Hälfte der Mädchen aufgenommen werden. Erst vier Jahre später wurde eine Schule für sie gebaut.

So wurde ein Comic zu einer Lehrstunde in Geschichte, Politik und Ungerechtigkeit.
Made on
Tilda