Beobachtungen
Am Busbahnhof
Selbst am hässlichsten Ort der Stadt lassen sich
Schönheit und Fürsorge entdecken.
Die einheimischen Alkoholabhängigen entspannen sich am Busbahnhof. Wenn man es überhaupt Entspannung nennen kann, weil ein Leben mit Alkohol und vor allem mit den Folgen gar nicht so locker ist. Aber vielleicht wirkt es nur von außen hart. Sie sitzen an der Bushaltestelle, als ob sie auf den Bus in ein besseres Leben warten würden. Aber am Abend fahren sie doch nur nach Hause. Ihre Körper haben vor langer Zeit Farbe und Form verloren, Selbstgedrehte zwischen den Fingern, zahnlose Münder.
Heute sind es mehr Frauen als Männer. Eine trägt ein geblümtes Kleid und eine bunte Strandtasche. Etwas Farbe für den grauen Busbahnhof. Sie holt eine dunkelblaue Decke aus ihrer Tasche und faltet sie sorgfältig, viermal. Dabei beeilt sie sich - wie eine Dienerin, die ihrer Herrschaft das Essen bringen will. Sie legt die Decke auf den Betonboden, der mit Kippen, Spucke und Flecken unbekannter Herkunft übersät ist.
Darauf setzt sich ein Hund.
Irgendwann war er definitiv weiß und gepflegt, wie seine Besitzerin. Der kleine Hund streckt auf dem weichen Stoff alle Vieren von sich und legt seine Schnauze auf seinen Vorderpfoten ab. Müde.

Die sechs Alko-Freunde haben es sich auf den Sitzen bequem gemacht, wie beim Serienabend auf dem Sofa. Busse kommen und fahren, spucken Fahrgäste aus und verschluckten wieder neue. Die Frau im geblümten Kleid kramt weiter in ihrer Tasche. Als ob sie dort nach einem Schatz suchen würde. Sie zappelt herum, sucht in der Tasche, prüft die Ecken. Wie diese Leute, die nicht still sitzen können - ständig müssen sie etwas umräumen, schließen, ausführen, umsetzen...
Die Frau steht die ganze Zeit mit dem Rücken zu den vorbeieilenden Menschen am Busbahnhof. Vielleicht fehlt etwas für den Komfort des Hundes? Vielleicht will sie nicht sitzen und sich den Blicken der Passanten aussetzen? Weil es Menschen sind, die für diesen Tag ein Ziel haben. Vielleicht hatte sie aber auch etwas für sich vergessen.

Aber das Wichtigste ist, dass der Hund sich wohlfühlt.


Fotos: natureworks, PublicDomainPictures, 3282700, PicsbyFran - pixabay.com
Made on
Tilda